Fränkische Tapas

Fränkische Krautwickerla

Wurde es Herbst, ließen wir Drachen steigen: Unser ältester Bruder bekam einen Drachen mit Bussard darauf, mein Zwillingsbruder und ich durften als Adjutanten beim Drachensteigen helfen. Direkt vor unserer Haustür befand sich damals noch ein Feld, das bis zum Waldrand reichte. Dorthin kamen viele Kinder und ließen ebenfalls ihre Drachen hoch in die Luft steigen.
Unser großer Bruder drückte uns den Drachen in die Hand. Wir mussten ihn so halten, wie er das wollte, dann wickelte er von der Drachenschnur etliche Meter ab und ging ein Stück weg. Hatte er sich seiner Meinung nach weit genug von uns entfernt, zog er die Schnur an, bis sie sich spannte. Er kontrollierte, ob wir auch auf ihn achteten, wenn ja, lief er los. Dann gaben wir dem Drachen noch einen Schubs nach oben und ließen ihn los. Ging alles glatt, stieg der Drachen hoch in den Himmel.
Leider war das nicht oft der Fall: Auf dem Feld waren so viele Kinder mit ihren Drachen, dass eigentlich eine Verkehrsregelung im Drachenhimmel nötig gewesen wäre. So kollidierten immer wieder Drachen miteinander oder die Schnüre verhedderten sich gründlich. Blieben die Drachen unbeschädigt, war die Sache gleich vergessen und jeder bereitete einfach einen neuen Start vor.
Brach jedoch eine der Holzleisten am Drachen, war der Traum vom Fliegen vorbei. Dann kam es gelegentlich zu einer erneuten Kollision, dieses Mal zwischen den Drachenlenkern. Diese konnte durchaus handfest werden, je nachdem, wer daran beteiligt war.
Mein Zwillingsbruder und ich blickten dem Drachen unseres großen Bruders neidisch hinterher, wie er so am Himmel seine Kreise zog. Alles Bitten und Betteln half nix, unser Bruder hielt die Drachenschnur fest in seiner Hand und gab sie nicht ab.
Erst als er ein Jahr später einen neuen Drachen bekam, auf dem ein roter Milan abgebildet war, bekamen wir seinen alten Drachen mit dem Bussard drauf. Doch der rote Milan begeisterte uns viel mehr. In der Schule hielt mein großer Bruder sogar ein Referat über den roten Milan. Weil er uns von seinen Erkenntnissen bei der Vorbereitung erzählte, erfuhr ich, dass es nicht nur den roten sondern auch den schwarzen Milan gab. Da unser Vater Jäger war, fand unser großer Bruder seine Informationen über diese Vögel in den Büchern, die bei uns standen.
Obwohl ich als Kind vom roten Milan so begeistert war, sah ich nie einen davon. Bis vor kurzem: Wir fuhren nach Norden und besuchten die Eltern der Mitbewohnerin. Dort sah ich einen Greifvogel mit einer Schwanzgabelung, wie ich sie vom roten Milan kannte.
Da die Eltern der Mitbewohnerin einst Biologielehrer waren, fragte ich vorsichtshalber nach, was für ein Vogel dort oben am Himmel kreiste. „Eine Gabelweihe“, bekam ich als Antwort und entgegnete, dass ich als Kind gelernt hatte, dass dies ein roter Milan sei. „Ja, so wird der Vogel auch genannt“, bestätigten mir die Eltern.
Bis heute bin ich fasziniert von diesem Vogel. Wenn ich unterwegs einen sehe, halte ich gerne an, steige aus dem Auto und beobachte seinen Flug. Dabei werden meine Erinnerungen an die Kindheit und den Flug unserer Drachen wieder lebendig.

Da im Herbst aber nicht nur die Drachen weit in den Himmel stiegen, sondern unten am Boden die Kohlköpfe geerntet wurden, hat unsere Mutter häufig Krautwickerla daraus bereitet:

Fränkische Krautwickerla mit Kartoffelbrei

Zutaten:
400g gemischtes Hackfleisch
1 Weißkohlkopf
1 Eigelb
1 Zwiebel
Semmelbrösel
Dünn geschnittene Speckscheiben
Brühe

Gewürze
1 Bund frische Petersilie
Salz, Pfeffer und Muskat

Dazu gibt es Kartoffelbrei

Zubereitung:
Krautkopf in kochendes Salzwasser ca. 20 Minuten weichkochen.
Anschließend den Kohl entblättern und die harten Strunke entfernen.
Zwiebeln und Petersilie kleinschneiden und das Hackfleisch mit den Gewürzen und dem Eigelb vermengen. Semmelbrösel nach gewünschter Konsistenz hinzufügen.

Zutaten fränkische Krautwickerla

Die Kohlblätter auslegen, mit der Hackfleischfüllung an einem Ende belegen und zusammenrollen. Die Röllchen mit Speckscheiben ummandeln und mit Zahnstocher fixieren.

Krautwickerla mit Speckmantel

In einer Pfanne die Krautwickerla von allen Seiten anbraten. Dann mit Brühe aufgießen, Pfanne mit einem Deckel verschließen und die Krautwickerla 30 Minuten garen. Gelegentlich die Krautwickerla wenden.
Soße zum Schluss nach Bedarf abschmecken.
In Franken werden die Krautwickerla mit Kartoffelbrei gegessen.

Fränkische Krautwickerla mit Kartoffelbrei Tapas

Rezeptanleitung. Zum Herunterladen bitte anklicken.
Fränkische Krautwickerla pdf Rezeptanleitung

Es gibt noch viel mehr echt leckere Familienrezepte, und zwar:

Hering in Sahnesauce bei der Küchenliebelei,

Geschnetzeltes mit Spätzle bei Applethree

Thüringer Rostbrätl bei Kathys Küchenkampf

Zwetschgentorte bei Kleines Kuliversum

Hackfleischauflauf bei Jessi Schlemmerkitchen

Oma Maries Nusskuchen bei Blackforestkitchen

Saftiger Kartoffelkuchen bei Familie aus Bamberg

  1. Irene Walz

    Hallo Ronald,
    Meine Mutter hat auch gerne Krautwiggerla gemacht. Sie hat aber keinen Speck verwendet. Dafür waren unsere immer ziemlich deftig, dunkel gebraten. Und den Stopfer hat sie auch selbst gemacht. Mal luftig locker, mal ziemlich fest – je nach Kartoffelsorte und Milch- und Butteranteil.
    Danke für deine schönen Erinnerungen!

    • Hallo Irene,
      schön wenn meine Geschichten Erinnerungen bei Dir wachrufen, dafür schreibe ich sie.
      Mit dem Speck halten die Krautwickel besser zusammen, aber für den Geschmack ist das anbraten wichtiger.
      Liebe Grüße
      Ronald

  2. Hallo Ronald, schön das du bei unserer Foodblogparty noch mitgemacht hast. Und eine sehr schöne Geschichte die bei mir auch ganz viele Kindheitserinnerungen wach ruft. Ich hatte ebenfalls einen Bussdard als Drachen und das war der beste Drache den ich je hatte. Kein anderer Drache danach konnte so fliegen wie dieser. Meine Kusinen die immer sehr moderne Drachen hatten, haben mich glühen beneidet. Und meine Oma Marie könnte nicht nur tollen Nusskuchen backen, sondern sie hat uns im Herbst auch immer mit Krautwickel verwöhnt. Deine sehen auch sehr lecker aus. Vielen Dank für die Erinnerung und Liebe Grüße Silke

    • Hallo Silke,
      So geht mir das oft, wenn ich mir die alten Rezepte meiner Mutter hervorsuche und sie koche – sie erinnern mich an viele Situationen, die ich in der Kindheit erlebt habe. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass wir genau diese Gerichte so sehr lieben.
      Liebe Grüße
      Ronald

  3. Ohja, noch so ein schönes deftiges Herbstgericht. Das mag ich gerade ganz besonders, das tut so gut. Krautwickel gab es in der Familie meines Stiefvaters früher öfter, die mochte ich damals gar nicht gern, heute dafür umso mehr. Eine schöne Kindheitsgeschichte, schön, dass Du mitgemacht hast!

    Ganz liebe Grüße
    Marie-Louise

    • Ja, es gibt so einige Gerichte, die Kinder zunächst weniger schätzen und dann als Erwachsene gerne mögen. 🙂

      Viele liebe Grüße
      Ronald

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