Fränkische Tapas

Russische Eier in memoriam

Heute jährt sich der Todestag meiner Mutter. Da ich aus deren Kochbuch hier Rezepte vorstelle, habe ich in Gedenken an sie einen Brief geschrieben.
Sie hat die russischen Eier, die damals in Mode waren, sehr gerne gegessen. Deswegen stelle ich sie hier heute vor.

 

Liebe Mama

Heute vor genau 35 Jahren bist du gestorben. Damals hat dir niemand erzählt, dass du todkrank bist und bald sterben musst. So konntest du auch nicht mehr mit uns sprechen, mit deinen fünf Söhnen. Du konntest uns nicht mehr mitteilen, was dir wichtig ist – und worauf wir in unserem Leben achten sollten, damit wir ein gutes Leben führen können.
Nach deinem Tod befürchteten viele Menschen hier im Dorf, dass es mit uns von nun an abwärts gehen würde, ja, dass wir jetzt auf die schiefe Bahn geraten. Vielleicht hast du das ja selbst befürchtet. Dass alles anders kam, will ich dir jetzt erzählen.
Nachdem wir dich beerdigt hatten, mussten wir viele Dinge schnell lernen. Wir mussten uns selbst versorgen und so gewissermaßen auf unseren eigenen Füßen stehen. Gut, keiner von uns fünf Jungs war ein Kleinkind, doch so richtig erwachsen waren wir auch nicht: Dein ältester Sohn war gerade einmal achtzehn Jahre alt und unser jüngster Bruder vierzehn Jahre.
Zu Anfang machten uns selbst die alltäglichsten Dinge Schwierigkeiten. Wir wussten doch nicht einmal, wie wir unsere Wäsche richtig waschen sollten. Wo, um Himmels Willen, wird in der Waschmaschine das Waschmittel und wo der Weichspüler eingefüllt? Welches Waschprogramm ist das richtige? Wie und wozu wird überhaupt die Wäsche sortiert? Da du uns nicht mehr zeigen konntest, wie das geht, haben wir es einfach probiert. Wahrscheinlich haben sich die Nachbarn gelegentlich über die Kindersachen gewundert, die auf der Leine hinter dem Haus trockneten und so gar nicht zu den Konfektionsgrößen der Bewohner passen mochten. Wir haben darüber tapfer unsere Witze gemacht und weiter probiert, auch wenn sich viele Wäschestücke verfärbt haben oder dank zu heißer Temperaturen eben kleiner wurden.
Da wir deine gute Küche gewohnt waren, wussten wir, wie das Essen schmecken musste. Aber wir wussten nicht, wie wir es zubereiten sollten. Wir hatten schließlich keine Schwester, der du deine Kochkünste weitergegeben hättest. Dabei wolltest du unbedingt eine Tochter haben und statt dessen uns fünf Jungen das Leben geschenkt. Nach der Geburt deines fünften Kindes, unseres jüngsten Bruders, warst du so enttäuscht, dass du dein Kind erst einmal weglegen ließest. So hast du es uns erzählt. Später wurde dieser Sohn jedoch dein Liebling. Wir fünf sinnierten oft darüber, wie es gewesen wäre, wenn einer von uns ein Mädchen geworden wäre. Dann hätte unsere Schwester sicherlich die ganze Hausarbeit übernehmen müssen. Oder?
Gottseidank musstest du nicht zusehen, wie wir unsere Mahlzeiten zubereitet haben. Du hättest sicherlich deine Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und uns aus deiner Küche gejagt. Die Aussicht auf Küchenarbeit hat nämlich bei keinem von uns für große Begeisterung gesorgt. Deswegen haben wir uns auf ein paar wichtige Kriterien geeinigt:

1. Es musste schnell gehen. Die Zubereitung der Mahlzeiten durfte nicht zu viel Aufwand erfordern, auch der Abwasch hinterher sollte so schnell wie möglich erledigt sein. Außerdem musste es möglichst billig sein. Viel Geld hatten wir nämlich nicht zur Verfügung.

2. Getrunken wurde direkt aus der Flasche. Damit war das lästige Spülen der Gläser vom Tisch.

3. Meistens kam alles in einen Topf oder in eine Pfanne. Aus dieser haben wir dann gleich gegessen. Solange noch sauberes Besteck in der Schublade lag, hat auch jeder seinen eigenen Löffel genommen.

Wir waren äußerst experimentierfreudig, was die Zubereitung der Mahlzeiten betraf. Aber du kennst uns ja. Da wir alles selber essen mussten, haben wir uns immer sehr bemüht, dass es auch schmeckt. Mit der Zeit klappte alles immer besser und jeder von uns hatte so seine Spezialitäten, die er wirklich gut konnte. Nachdem dein Jüngster extra einen entsprechenden Kurs in der Volkshochschule besucht hatte, war er für die Zubereitung der Soßen zuständig. Ich wurde Spezialist für Pfannkuchen und Apfelkräpfla und mein Zwillingsbruder perfektionierte die Herstellung von Grießnockerln und Suppe. Unser ältester Bruder hatte die Experimente schnell satt und zog lieber zu seiner Freundin. Und für den zweitjüngsten Bruder waren andere Dinge wichtiger als Essen. Das hast du dir bestimmt schon gedacht. Gab es etwas zu regeln, haben wir das nach unserer altbewährten Methode unter uns ausgemacht, ganz pragmatisch, nachhaltig und ohne viele Worte, wie du sicher noch weißt.
Papa ging wie immer zur Arbeit. Kam er heim, hat er sich gleich der Jagd gewidmet, so dass wir ihn immer nur sehr kurz gesehen haben. Aber das kennst du ja von ihm.
Dein ältester Sohn war in einem großen Autohaus in der Lehre, er wollte Bürokaufmann werden und liebte schnelle und große Autos. Nach seiner Ausbildung verpflichtete er sich bei der Bundeswehr und hat früh geheiratet, nicht nur, weil er damit einen höheren Sold bekam. Er zog nach Oberbayern und lebt bis heute dort. Als sein Dienst bei der Bundeswehr beendet war, arbeitete er bei unterschiedlichen Firmen, bevor er schließlich auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur nachholen konnte. Anschließend wechselte er in den Staatsdienst. Die Liebe zu den Autos ist ihm aber immer geblieben.
Tja- und was wurde aus deinem zweiten Sohn, der nur zehn Minuten vor deinem dritten zur Welt kam?
Du weißt ja noch, das ich damals als Elektriker im Forschungszentrum Erlangen gearbeitet habe. Als ich kurze Zeit später endlich volljährig war, wollte ich mehr von der Welt sehen. Deswegen war ich für einige Jahre in unterschiedlichen Kernkraftwerken auf Montage. Irgendwann hatte ich jedoch genug von diesem unsteten Leben, habe mich in der Technikerschule beworben und nach meinem Abschluss in einem Ingenieurbüro gearbeitet. Hier habe ich allerdings viel Zeit am Schreibtisch verbracht. Als mir das auf Dauer zu langweilig wurde, habe ich für vier Jahre ein Gymnasium besucht und mein Abitur nachgeholt.
Erinnerst du dich noch? Die Lehrerin in der Grundschule wollte damals, dass ich und mein zweitjüngster Bruder zur Sonderschule gehen sollten. Gottseidank hast du das nicht zugelassen.
Nach dem Abi habe ich mehrere Fächer fürs Lehramt studiert und bin Lehrer geworden. Übrigens war ich der erste von uns Buben, der eine Tochter bekommen hat. Wir haben damals ein richtiges Freudenfest veranstaltet und auch später noch oft darüber gesprochen, wie du dich wohl über ein Mädchen gefreut hättest.
Mein Zwillingsbruder hatte ja damals einen Metallberuf gelernt, doch dort gefiel es ihm nicht lange. Erinnerst du dich noch daran, wie wir alle gestaunt haben, als er Weihnachten eine Spielzeugklarinette aus Plastik bekam und sofort nach Gehör Weihnachtslieder spielen konnte? Du hast ihm Musikunterricht bezahlt, auch wenn das für dich damals nicht leicht zu stemmen war. Doch es hat sich echt gelohnt: Er hat am Konservatorium Jazzbass und Klavier studiert, spielt in mehreren Bands und macht seine eigene Musik, richtige fränkische Musik.
Der Zweitjüngste, der ja gemeinsam mit mir auf Empfehlung der Grundschullehrerin eine Sonderschule besuchen sollte, obwohl er so wissbegierig war, wie kein anderer von uns, hat ebenfalls später sein Abitur nachgeholt. Das hast du bestimmt geahnt. Er hat viele Jahre lang an der Universität studiert und ist schließlich auch Lehrer geworden.
Auch dein Jüngster ist nicht in dem Beruf geblieben, den er ursprünglich einmal gelernt hat. Er ging auf die Technikerschule und machte später noch eine Ausbildung zum Ergotherapeut. In diesem Beruf arbeitet er noch heute. Papa wollte unbedingt, dass wenigstens einer von uns Jäger wird und hat ihn auf einem Jägerkurs geschickt.
Du wärst jetzt eine siebenfache Oma.
Ich koche inzwischen übrigens sehr gerne, blogge über fränkisches Essen und verrate anderen Menschen deine Rezepte. Ich bin mir sehr sicher, dass du dich darüber freust.
Weil du russische Eier sehr gerne gegessen hast und sie besonders in der Winterzeit gemacht hast, möchte ich sie heute vorstellen. Erkennst du das Hühnertablett noch? Das stand jetzt sehr lange unbenutzt im Schrank.

Bis bald

 

Russische Eier

Zutaten:

5 Eier
2 EL Mayonnaise
1 EL Senf
Salz, Pfeffer
Kaviar (hier aus Forellen- und Seehasenrogen)

Zubereitung:

Eier hart kochen, abkühlen lassen und schälen, mit einem scharfen Messer halbieren.

Den Dotter vorsichtig herausnehmen und mit einer Gabel fein zerdrücken.

Mayonnaise, Senf, Salz und Pfeffer hinzugeben und alles gut durchmischen.

Die Eimasse in einem Spritzbeutel oder einer Gebäckpresse füllen.

Die Eihälften mit der Eimasse ausspritzen.

Eier mit Kaviar garnieren.

Russische Eier – Tapas

Rezeptanleitung: Zum Herunterladen bitte anklicken.
Russische Eier pdf Rezeptanleitung

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